Visual Sketchnoting – ein Interview mit Eva Lotta Lamm

Veröffentlicht am: 24. August 2012

Wer sich mit dem Thema Visual Sketchnoting auseinandersetzt, kommt an einem Namen nicht vorbei: Eva-Lotta Lamm.

In Deutschland geboren und aufgewachsen, zieht es die junge Designerin schon bald in die Welt hinaus. Sie arbeitet für Skype als Design Lead im Geschäftskundenbereich und Yahoo im Bereich Interaction Design. Bevor es sie nach London verschlägt, macht sie Zwischenstop als Web- und Interface-Designerin bei Kahn + Associates in Paris. Seit kurzem ist sie Interaktionsdesignerin in Google’s Android Design Team. Konferenzen, an denen sie teilnimmt protokolliert sie in ihrem Skizzenbuch – das mittlerweile so umfangreich geworden ist, dass sie es als Buch herausgegeben hat: „Sketchnotes 2009 & 2010“ – skizzenhafte Mitschnitte von 100 Reden und Diskussionen.

sketchbook3
Guido Neuland:
Seit wann erstellen Sie diese visuellen Mitschnitte von Konferenzreden und Diskussions-Veranstaltungen? Wirklich erst seit 2009, oder haben Sie schon früher damit angefangen?

 

Eva-Lotta Lamm:
Ich habe schon immer gezeichnet. Zu Schulzeiten habe ich meine Mitschriften durch kleine Skizzen und verzierte Überschriften etwas interessanter gemacht, um mich zu motivieren, den Stoff zu wiederholen und während meines Design-Studiums war mein Skizzenbuch ein selbstverständlicher und stetiger Begleiter.  Als ich dann nach dem Studium anfing zu Vorträgen und Konferenzen zu gehen, habe ich meinen skizzenhaften Notiz-Stil beibehalten. 2007 oder 2008 habe ich auf Flickr die Konferenz-Mitschriften von Mike Rohde entdeckt. Er nannte diese Art von Mitschriften ‚Sketchnotes‘ und das beschrieb auch meine Art von Notizen perfekt. Von diesem Zeitpunkt an habe ich mich bei Vorträgen und Konferenzen bewusster auf meine ‚Sketchnotes‘ konzentriert und angefangen, sie auf Flickr zu publizieren.

 

Guido Neuland:
Haben Sie in Ihrer Schulzeit Ihre Notizen auch schon so angefertigt? Es gibt ja Untersuchungen in den USA die belegen, dass Zeichnen als Fähigkeit in der Vergangenheit unterbewertet war und zukünftig als genauso wichtig angesehen werden sollte wie schreiben, lesen und rechnen. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Wie wichtig ist es für Menschen, sich bildhaft ausdrücken zu können?

 

Eva-Lotta Lamm:
Da ich keine Wissenschaftlerin bin, kann ich nur aus eigener Erfahrung sprechen. Ich bin ein sehr visuell orientierter Mensch und ich habe ein ziemlich schlechtes Wort- und Zahlengedächtnis. Dinge zu visualisieren hilft mir, Sachverhalte zu verstehen, zu durchdenken und länger im Gedächtnis zu behalten. Es gibt eine Studie von der University of Plymouth, die belegt, dass ‚doodling‘ die Konzentration fördern kann und dem Gedächtnis hilft, sich Dinge besser zu merken. Für mich kann ich diesen Effekt klar bestätigen und kann nur jeden ermuntern, es selbst auszuprobieren und sehen, ob es für ihn auch funktioniert.

 

sketchbook1

Guido Neuland:
Wenn man sich generell mit dem Thema Visualisierung auseinandersetzt, findet man Parallelen zwischen dem Visual Sketchnoting und dem Graphic Recording. Letzteres wird ja stets in großem Format für die Gruppe – quasi als grafisches Gedächtnis erstellt. Ist das beim Visual Sketchnoting anders? Machen Sie das nur für sich selbst, oder lassen Sie andere stets daran teilhaben? Wenn ja, wie, schließlich arbeiten Sie ja im handlichen „Taschenformat“?

 

Eva-Lotta Lamm:
Ich habe die Disziplin des ‚Graphic Recording‘ erst vor ca. 2 Jahren entdeckt, als ich angefangen habe, mich auch theoretisch mehr mit dem Thema des ‚Sketchnoting‘ und Skizzieren im Allgemeinen auseinanderzusetzen. Es gibt in der Tat viele Parallelen und die Ergebnisse sind sehr ähnlich. Für mich spielt der Name, den man dem Ganzen gibt, weniger eine Rolle. Graphic Recording kommt eher aus der Business- und Facilitation-Ecke, während Sketchnoting sich eher aus der Design Szene entwickelt hat. Es ist interessant zu sehen, welche Gemeinsamkeiten es gibt und was man voneinander lernen kann. Die Sketchnotes, die ich auf Konferenzen mache, sind in erster Linie für mich und dazu da, dass ich mich an interessante Details der Vorträge erinnern kann. Sie erheben nicht den Anspruch, komplette Zusammenfassungen zu sein; eher eine persönliche Interpretation, eine Art ‚Digest‘ des Vortrages. Ich stelle alle meine Sketchnotes auf Flickr online. Was andere in ihnen lesen oder aus ihnen mitnehmen, ist jedem selbst überlassen.
Vor ein paar Wochen haben wir während der Typo London etwas Neues ausprobiert. Während einem der Vorträge haben wir meine Zeichnungen live gefilmt und parallel zum Vortrag in einem Web-Live-Stream gezeigt. Ich würde solche Dinge gerne häufiger ausprobieren. Ich persönlich finde es immer faszinierend, anderen beim Zeichnen zuzuschauen und zu sehen wie das Endprodukt Stück für Stück entsteht.

 

Guido Neuland:
Was auffällt, wenn man Ihre Arbeiten betrachtet ist, dass diese nie „kunterbunt“ sind. Ich konnte maximal 4 Farben ausmachen, die in einer Sketchnote zum Einsatz kommen. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Farben?

sketchbook2

 

Eva-Lotta Lamm:
Ich habe eine Weile mit verschiedenen Farben und Stiften experimentiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass für mich schwarz + eine Farbe + ein hellgrauer Marker für Schatten und etwas Tiefe am besten funktioniert. Es ist nicht notwendig viele Farben zu verwenden. Beim Sketchnoting geht es nicht darum, möglichst bunte Illustrationen zu erstellen, sondern darum,  Ideen und Gedanken zu visualisieren. Farbe dient hier dazu, eine visuelle Hierarchie zu erstellen und das Auge auf bestimmte Inhalte zu lenken. Zu diesem Zweck ist eine reduzierte Farbpalette ideal. Ich habe eine Reihe von Farben, die ich gerne mag und die sich bewährt haben. Normalerweise suche ich vor dem Vortrag eine Farbe aus, manchmal einfach nach Lust und Laune, manchmal angepasst an das Design der Konferenz.

 

Guido Neuland:
Mit welchem „Material“ arbeiten Sie? Filzschreiber, Kugelschreiber, Blei- oder Buntstifte? In welchem Format ist Ihr Skizzenbuch – hoch oder quer? Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die sich auf diesem „Feld“ ausprobieren möchten?

 

Eva-Lotta Lamm:
Mein Lieblingsstift zum Zeichnen ist der Pilot Hi- Tec-C 0.4. Ich mag die exakten und super-dünnen Linien. Perfekt für Details und kleine Handschrift. Die farbigen Stifte, dich ich meisten benutze, sind von MUJI. Nicht ganz so fein wie der Pilot, aber prima zum Schreiben und Zeichnen mit einem angenehm flüssigen Lauf. Für Schatten und Tiefe benutze ich TOMBOW ABT Dual Brush Pen in mehreren Grau-Tönen. Die Stifte haben zwei Spitzen, aber ich benutze ausschließlich die Pinsel-Spitze. Mein Skizzenbuch ist ein quadratisches Ringbuch mit schönem dicken Papier. Ich mag Ringbücher, da man die Seiten komplett umschlagen kann, so dass sich ein schön  kompakter Block ergibt, auf dem man auch problemlos auf dem Schoß zeichnen kann.

 

Guido Neuland:
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben. Es würde mich freuen, wenn wir zukünftig einmal etwas zusammen machen könnten. Vielleicht haben Sie ja Lust, Ihr nächstes Buch gemeinsam mit uns auf den Markt zu bringen.

 

Eva-Lotta Lamm:
Vielen Dank auch.