Graphic Recording gilt als die Königsdisziplin im Bereich Visualisierung und das nicht ohne Grund. Was es alles über dieses spannende Thema zu erfahren gibt, teilt Martina Grigoleit im Interview mit uns.

Martina Grigoleit ist ein wahres Urgestein im Graphic Recording. Nach ihrem Studium in Kommunikationsdesign, arbeitete sie lange als Designerin und Illustratorin im Marketing. Man glaubt es kaum, aber das ist jetzt 25 Jahre her. Schon damals blickte sie immer über den Tellerrand hinaus, machte nebenbei eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin und kam dann schließlich zum Graphic Recording. Heute ist sie erfolgreiche Buchautorin und zeigt, wie gut sich die Leidenschaft fürs Visualisieren mit der fürs Yoga vereinen lässt.

Grafik: Kombination aus visuellem Verständnis und Yoga
Martina Grigoleit visualisiert

Liebe Martina, nun bist du ja ein Profi, aber wie bist du eigentlich zum Graphic Recording gekommen?

Ich habe früher Innovationsworkshops begleitet. Da sitzen dann z. B. Menschen, die sich einen Schokoriegel ausdenken und ich habe dabei gezeichnet, wie dieser Schokoriegel aussehen könnte. Und irgendwann kam Andreas Gärtner dann zu mir und meinte, er hätte da sowas im Internet gesehen, das könnten wir doch mal ausprobieren … Damals kannte fast kein Mensch Graphic Recording. Das war das erste Mal, dass ich das gemacht habe. Das ist jetzt ca. 16 Jahre her und das, was damals entstanden ist, war so unglaublich hässlich und unstrukturiert. Aber damals wusste das irgendwie noch keiner besser und wir auch nicht und der Kunde auch nicht.

Toll, was aus so einer Idee entstehen kann und super, dass du diesen Schritt gewagt hast! Was sollte man denn mitbringen, wenn man diesen Beruf ausüben will?

Für mich gibt es da zwei Richtungen, die man zusammenbringen müsste. Das eine ist das Thema Kreativität und Zeichnen. Und das andere Facilitation und Beratung. Man sollte in der Lage sein, Dinge zu filtern, das Wichtige von dem Unwichtigen zu unterscheiden, richtige Fragen zu stellen, die Kund*innen gut durch den Prozess zu führen. Diese beiden unterschiedlichen Bereiche werden vereint und sind je nach Job auch unterschiedlich schwer gewichtet. Aber im Idealfall sollte man beide Fähigkeiten mitbringen.

Graphic Recording von Martina Grigoleit: leadership and purpose
Wahnsinn: Graphic Recording von Martina Grigoleit

Und wenn ich jetzt denke „Da sehe ich mich“. Wie fange ich dann an? Gibt’s da spezielle Kurse?

Im Gegensatz zu früher gibt es jetzt unendlich viele Kurse. Es gibt die grundsätzlichen Einführungskurse in die Visualisierung, wo beispielsweise aus einfachen Grundformen Sketchnotes entstehen. Von da aus kann man sich dann immer weiter fortbilden. Hilfreich ist sicher auch eine Fortbildung in Richtung Facilitation, Moderation. Also das kann man sich mittlerweile super gut zusammenbasteln. Im visuellen Bereich biete ich das auch an. Ich habe kleine Workshops, die sich wie Bausteine aufeinander aufbauen lassen. Aber irgendwann muss man dann einfach springen und den Job machen.

Beim ersten Mal ist das sicher eine riesen Überwindung, oder?

Ja. Aber man muss das ja nicht alles alleine machen, man kann sich auch Hilfe suchen. Ich begleite auch Newbies bei der ganzen Vorbereitung. Wie sie die Gespräche mit Kund*innen führen, welche Informationen darin vorkommen sollten … So ein visuelles Einzelcoaching ist natürlich auch eine Option.

Martina Grigoleit mit ihrem Buch "Graphic Recording"
Stolze Autorin: Martina gibt einen Einblick in ihr Buch.

Jetzt haben wir ja schon über die Fähigkeiten eines Graphic Recorders gesprochen. Was ist abgesehen davon noch wichtig?

Vielleicht ist es Mut. Es gibt einfach den Punkt, wo man ins kalte Wasser springen muss. Egal ob online oder vor Ort, man ist natürlich auf der Bühne und es gucken einem ganz ganz viele Menschen über die Schulter. Da gehört einfach ein kleines bisschen Mut zu und da muss man auch der Typ für sein.

Und alles, was man sonst noch wissen sollte, findet man sicher in deinem Buch. Magst du uns dazu einen kleinen Einblick geben?

Ja, ich habe ein Buch über Graphic Recording geschrieben. Der Untertitel ist „Das 1×1 der Live-Visualisierung“, weil ich noch ein bisschen mehr als Graphic Recording darin behandle. Das ist von mir der Versuch, das Thema wirklich von allen Seiten zu beleuchten. Es eignet sich perfekt als Handbuch, wenn man diesen Job ausüben möchte.

Darin erkläre ich nicht nur, was ein Graphic Recording ist (was übrigens auch sehr gut für Kund*innen ist), sondern auch viel zur Auftragsklärung. Was sind die Unterschiede zwischen Graphic Recording und Visual Facilitation? Wo kann man das noch überall nutzen? Ich erkläre auch, welche Bereiche es noch gibt, die sich davon ableiten, wie z. B. Strategiebilder. Außerdem rede ich über Preise und Kalkulationen. Klarheit macht das Leben so viel einfacher. Ich kommuniziere meine Preise auch offen auf meiner Website. Da weiß jede*r gleich, worauf er/sie sich einlässt. Also in dem Buch findet man wirklich alles.

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Visualisierung mit Neuland Markern
So sieht es aus, wenn Martina ein Buch zeichnet. Wie sieht deine Visualisierung aus?

Du gehst ja auch ganz offen mit „Fuck-ups“ um. Was ist das Lustigste, was dir je passiert ist?

Es gab Zeiten, da sind wir Graphic Recorder jeden Tag gebucht worden. Ich bin sehr durchstrukturiert, also war ich schon immer gut vorbereitet. Einmal bin ich dann vom Hotel zu meinem Job gefahren und musste feststellen, dass überhaupt keiner da war. Niemand. Meine größte Angst war ja immer, dass ich am falschen Ort bin und das habe ich damals auch erst einmal gedacht. Und dann stellte sich heraus, dass ich einfach einen kompletten Tag zu früh da war. Aber das war toll, weil dadurch habe ich einen Tag geschenkt bekommen, also einen Tag frei gehabt. 🙂

Da hast du ja Glück gehabt, dass du nicht einen Tag zu spät warst. 😀 Nachdem du nun 16 Jahre Erfahrung hast, gibt’s da überhaupt noch sowas wie Lampenfieber?

Also ich fange immer mit Lampenfieber an. Immer. Es ist immer irgendwie die Angst vor der weißen Wand da. Aber mittlerweile ist natürlich auch die Erfahrung da, dass es immer funktioniert. Da bin ich dann natürlich schon ein bisschen entspannter. Also im Gegensatz zu früher kann ich die Nacht vorher schlafen.

Graphic Recording von Martina Grigoleit: Trinkgenosse

Dann fragst du vor einem Gig bestimmt auch nach Ablauf und Themen, oder?

Ja ich habe eine Liste vom ersten Anruf bis zum letzten. Da sind bestimmt 30 Fragen drauf, die ich stelle. Ich nerve die Kund*innen so lange, bis ich alle Infos habe. 😉 Die Agenda gehört dazu und auch solche Sachen wie: „Geht es in Richtung Facilitation oder Visualisierung?“.

Und wenn es ein Thema ist, mit dem du dich gar nicht auskennst?

Es gab bisher kein Thema, wo das Verständnis nicht ausgereicht hätte. In der Regel wollen die Kunden ja den Blick von außen. Das krasseste Thema für mich war bisher „neue Technologien im Bergbau“ und es war in Englisch. Da frage ich mich im Nachhinein schon, wie ich das hinbekommen habe. Aber es gab noch keinen Auftrag, wo ich wirklich im Detail alles verstehen musste. Meistens wird ja eher darüber geredet, wie die Leute zusammenarbeiten wollen. Da braucht es dann kein spezifisches Bergbau-Wissen.

Graphic Recording zu virtuellen Events

Mittlerweile findet ja auch viel digital statt. Wie hat sich seitdem dein Arbeitsalltag verändert?

Es hat sich alles verändert. Das erste ist, dass ich nicht mehr so viel hin und her reise. Und dann zeichne ich natürlich jetzt viel mehr digital auf dem iPad. Aber ich biete meinen Kund*innen auch immer wieder die analogen Tools an. Und viele machen das auch immer wieder, weil die Sehnsucht nach Papier in dieser digitalen Welt immer noch voll da ist. Sie wird vielleicht sogar noch mehr. Und ich habe zu Hause eine große Neuland GraphicWall an meiner Wand hängen, da kann ich ja auch meine Kamera drauf richten. Und dann arbeite ich natürlich auch viel mit Digitalkamera und kleinem Papier und natürlich auch mit den ganzen Neuland Markern. 🙂

Martina Grigoleit beim Online-Workshop im HanseLab
Hinter den Kulissen: Martina beim Online-Workshop im HanseLab

Bietest du zu dem Thema eigentlich auch Kurse an?

Ja, ich habe einen Videokurs zu meinem Buch: Graphic Recording – die Masterclass. Da habe ich tatsächlich genau beschrieben, wie ich das mache und welche Tools ich benutze. Kleinere Einheiten und ein zweitägiges Präsenztraining biete ich auch zusammen mit dem HanseLab in Lübeck an.

Jetzt haben wir ja schon über deine Tools gesprochen. Hast du auch ein Lieblingstool von Neuland?

Eigentlich benutze ich fast alles von Neuland, weil es in Sachen Marker ja auch gar keine Konkurrenz gibt. Aber ein paar Dinge, die ich wirklich ganz doll liebe, sind natürlich die LW-X und die FatOnes, die richtig dicken Dinger. Und ich liebe zwei von den Metallics, den silbernen und den blauen. Mit denen kann man ganz toll auf Schwarz schreiben.

Buch von Martina Grigoleit: Graphic Recording – das 1x1 der Live-Visualisierung
Das 1×1 der Live-Visualisierung: ein umfangreiches Handbuch fürs Graphic Recording

Gute Wahl! 😉 Wie hast du Neuland eigentlich kennengelernt?

Ich habe früher Neuland benutzt ohne mir Gedanken darüber zu machen. Damals habe ich von meinen Graphic Recordings ab und zu Bilder gepostet. 2014 hat mich Guido dann auf Facebook angeschrieben. Er meinte, dass ihm meine Sachen gefallen und dass er sicher ist, dass diese EuViz was für mich wäre. Ja und dann bin ich dahin gegangen. Ich werde ihm ein Leben lang dankbar sein, dass er mich angesprochen hat. 😀 Das war für mich ein absoluter Gamechanger. Und da fing es auch so langsam an, dass die Aufträge mehr wurden.

Wie cool! Nun zu einem etwas ernsteren Thema … Gerade Kreative haben oft mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Hast du da irgendwelche Tipps für neue Motivation oder gegen eine kreative Blockade?

Meine Erfahrung ist, dass so eine Blockade dann auftritt, wenn man zu lange wartet, also wenn man zu viel zu lange überlegt. Mein erster Tipp wäre „Einfach machen.“, also EINFACH machen und einfach MACHEN, am besten sofort. Man kann sich auch super von anderen inspirieren lassen, aber auf gar keinen Fall kopieren. Und ich komme ja aus dem Yoga-Bereich, da habe ich natürlich auch ein paar Tricks, wie ich mit solchen Situationen umgehe. Diese Unsicherheit kommt ja oft, wenn man Angst hat, jemanden zu enttäuschen oder nicht zu genügen. Und da gibt es Atemtechniken, die dann wieder die Aufmerksamkeit zu dir bringen. Am einfachsten ist es aber, wenn man sich 10 Minuten hinsetzt und auf seinen Atem konzentriert. Die Ausatmung sollte dabei immer einen Tick länger sein, als die Einatmung. Das mache ich, wenn ich merke da geht gerade gar nichts.

Wow, dieses Interview ist wirklich voller hilfreicher Infos rund ums Thema Graphic Recording. Ein herzliches Dankeschön an dich, Martina, dass du dir die Zeit für uns genommen hast!

Martina Grigoleit beim Graphic Recording mit Neuland Markern