Farbkreise: Alles andere als graue Theorie

Veröffentlicht am: 30. Januar 2014

Also gut, das wissen wir alle, die Grundfarben sind Rot, Gelb und Blau. Das lernen wir doch schon beim ersten Tuschkasten in der Grundschule: Aus diesen Farben können wir alle anderen Farben mischen: Grüns, und Lilas und Orangetöne, und mit Schwarz und Tubendeckweiss machen wir diese Töne dann dunkler und heller.

Alle? Na dann versuchen wir doch mal, aus Rot und Blau das von einem großen Telekommunikationskonzern verwendete Rot (bzw. korrekter: Magenta) anzurühren. Das geht nämlich nicht.

Und überhaupt, welche Farbe ist DAS Blau? DAS Rot? DAS Gelb? Warum sind die Schatten an einem verschneiten Tag immer so intensiv blau? Und wieso wird schwarze Tinte beim Lavieren bunt?

Auf solche und jede Menge anderer (z.T. ausgesprochen banaler) Fragen stößt früher oder später jeder, der genau hinguckt und – womöglich gar beruflich – malt und farbig zeichnet. Und wo die Praxis ist, ist auch die Theorie nicht weit – in diesem Fall sogar mehrere: Seit Jahrhunderten befassen sich Wissenschaftler und Künstler mit der Farb- und Wahrnehmungslehre – und streiten sich auch gern mal über die wahre…

Farbkreise

Isaac Newton wies als erster nach, dass weißes Licht zusammengesetzt ist aus Licht unterschiedlicher Farben, in dem er weißes Licht durch ein Prisma schickte und die Regenbogenfarben sah. Dazu entwickelte er einen bis heute gültigen Farbkreis.

Newton

Johann Wolfgang von Goethe sah das hundert Jahre später ganz anders und kam zu einer – weniger wissenschaftlichen als durch die subjektive Wahrnehmung begründeten – Theorie, die er bis ins hohe Alter für wichtiger hielt als seine literarischen Werke. Auch er entwickelte hierzu einen Farbkreis, in dem er jede Farbe auch Gefühlen und Empfindungen zuordnete. (Hier einen Reproduktion seines Aquarells.)

Goethe

So faszinierend der Ansatz war und ist, Farben mit Stimmungen zu assoziieren: aus nüchtern-wissenschaftlicher Sicht sollte sich Goethes Theorie bald als falsch erweisen. Die etwa gleichzeitige Entdeckung im Jahr 1801, dass Licht (und damit jede Lichtfarbe) wellenartig ist, bestätigte immerhin die etwas hilflose Aussage von Demokrit aus etwa dem Jahr 500 v. Chr.: „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum.“
Auf dieser und Newtons Forschung basiert denn auch die bis heute gültige Unterscheidung nach additiver Farbmischung (beim Mischen von farbigem Licht) und subtraktiver Farbmischung (beim Malen, Zeichnen und Drucken).

In die neuere Zeit übrigens fällt die Antwort auf die Frage, welches von den vielen Rots, Blaus und Gelbs denn tatsächlich DAS Rot, Blau und Gelb sind. Diese Antwort ist mehrheitlich: Nahezu alle Menschen empfinden jeweils die gleiche ganz bestimmte Tönung als  die Farbe, die den Namen am meisten verdient.

Der Bauhauslehrer Johannes Itten (1888 – 1967) machte sich daran, die Farblehre(n) mit seinem Buch „Die Kunst der Farbe“ für die Praxis versteh- und anwendbar zu machen. Und natürlich gestaltete auch er dazu seinen ganz persönlichen Farbkreis.

Itten

Eins ist all diesen Kreisen gemeinsam: Immer liegen sich das pure Gelb und das angemischte Violett gegenüber, das aus Gelb und Blau gemischte Grün und das reine Rot stehen einander ebenso entgegen wie Blau und (gemischtes) Orange. Und dass das so ist, kann bei Malerei und Farbzeichnung tatsächlich helfen. Denn die jeweiligen Komplementärfarben mischen sich immer zu einem Grau, das eben nicht einfach nur ein aufgehelltes Schwarz ist.

(Was im übrigen bei schwarzer Füllfederhaltertinte besonders deutlich wird: Sie ist im Gegensatz zu teurem echtschwarzem Pigment meist aus dunklen Pigmenten von Komplementärfarben angemischt. Wie man sieht, wenn man ein Stück Papier in ein Glas mit Tinte hängen lässt und wartet.)

Tinte_klein

Wer die Grundzüge der Farblehre kennt und nutzt, kann Farben deutlich lebendiger und gezielter (ein)setzen. Und ökonomischer: Drei Tuben Tempera (Cyanblau, Magentarot und Gelb) reichen, um ein Bild mit allen nur denkbaren Farben zu malen. Selbst, wenn es ein so trauriges Bild wie das von einem Entenverkehrsunfall.
Tempera klein

Denn diese Töne sind die drei reinen Grundfarben, die auch beim Rasterdruck eingesetzt werden. Schwarz dient dann nur noch dazu, Tiefe und Dunkelheit zu addieren oder technisch: die Reflektion von Licht umfassend zu subtrahieren (s.o.)

So gesehen, sind also die bunten Kreis aus der Wissenschaft keine graue Theorie: Sie helfen uns dabei, zu wissen, was wir da beim Malen gerade tun.

Redaktion: Neuland
Illustration/Fotos: Thies Thiessen
(Farbkreise via Wikipedia)

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Ein Kommentar zu “Farbkreise: Alles andere als graue Theorie

  1. Hallo,
    herzlichen Dank für die simple und klare Aufschlüsselung, jedoch muss ich trotzdem nachhaken: Wer hat denn wann entdeckt, dass DAS Rot Magenta ist und DAS Blau Cyan? Wir kennen die Antike Farbenlehre, die von Isaac Newton (übrigens aus dem 17. Jh. nicht 19.), die von Goethe und auch die von Itten. Seit wann und durch wen wissen wir denn nun, welches DAS Rot, Gelb und Blau ist?
    Herzlichen Dank bereits im Voraus 🙂

    • Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht, Frau Kramer. Die Wahrnehmungsforschung der letzten Jahre und Jahrzehnte hat immerhin herausgefunden, dass die Mehrzahl aller Menschen tatsächlich einen ganz bestimmten Rotton als „das Rot“ empfinden – nämlich den, der ziemlich genau zwischen Magenta-Rot und gelb liegt. Fast genauso entschieden sind die Menschen bei „dem Gelb“ und „dem Blau“ –  wobei „das Blau“ eben auch wieder nicht Cyan ist, sondern ein Ton mit einem gewissen Magentaanteil.
      Cyan, Gelb, Magenta sind die Druckgrundfarben, die sich, wenn mit 100% gedruckt, theoretisch zu Schwarz subtrahieren – also das gesamte Licht wegfiltern. Die ihnen im Farbkreis gegenüberliegenden Tönen sind die Lichtgrundfarben, die, auf eine gemeinsame Fläche belichtet, sich zu Weiß addieren.
      Es ist kompliziert, hier ein Link, der viel erklärt, aber die Sache nicht einfacher macht.
      http://home.arcor.de/wilhelm-ostwald/4Kapitel1-1.htm

      Das kommt vom Nachfragen. 🙂

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